Auch der Onkologe Prof. Dr. Christof von Kalle sieht hier ein großes Defizit und spricht von einem "asymmetrischen Datenschutz". Er sagt in einem Interview mit dem Branchenmedium Pharma Fakten, dass er nicht glaubt, dass man die Patientinnen und Patienten ausreichend darüber aufklärt, was ihnen vorenthalten wird. Von Kralle spricht hier davon, dass man in Deutschland in zwei Welten lebt. Einerseits gibt es die rechtliche Seite, die EU weit die Datenschutzgrundverordnung regelt. Andererseits sieht er einen “gelebten Datenschutz”, der in Deutschland durch rückständige Technik geprägt ist. Bei uns arbeitet man mit Sicherheitskonzepten aus den 1990er-Jahren. Hauptaugenmerk lag hier schon immer auf der Datensparsamkeit und dem Nichtprozessieren von Daten. Dass es anders geht, sieht man an Ländern wie Spanien und Dänemark, die trotz derselben Rechtsgrundlage ganz anders mit den Daten arbeiten.
Anstatt auf Datensparsamkeit zu setzen, gilt in Dänemark zum Beispiel der Grundsatz “Ermöglichung mit Kontrolle” – das bedeutet Verantwortlichkeit und Nachvollziehbarkeit, nicht Vermeidung. Gesundheitsdaten werden zentral erfasst, intelligent vernetzt und zugänglich gemacht für Ärztinnen und Ärzte, Forschung sowie Verwaltung. Patientinnen und Patienten haben über das "Sundhed.dk"-Portal Zugriff auf ihre eigenen Daten. Ethikkommissionen und klare Governance-Strukturen schaffen Vertrauen und Transparenz. Auch Spanien nutzt die DSGVO als Rahmen für Innovation, nicht als Blockade. Datenschutz wird durch konkrete Maßnahmen wie Zugriffskontrollen, Pseudonymisierung und Opt-out-Lösungen abgesichert. Der Fokus liegt auf dem praktischen Nutzen von Daten für Patientinnen und Patienten – etwa durch bessere Diagnosen, KI-gestützte Therapieentscheidungen oder Forschungsprojekte.
Nach von Kalles Ansicht behindert die deutsche restriktive Auslegung des Rechts nicht nur Forschung und Innovation, es verhindert auch, dass Patientinnen und Patienten zusammen mit Ärztinnen und Ärzten über Therapien reden können. Mit der Nutzung von Gesundheitsdaten können bessere Entscheidungen getroffen werden. Mit der Nutzung von Gesundheitsdaten kann die Medizin effizient weiterentwickelt werden, weil man lernen kann, wie Erkrankungen vermieden oder aber behandelt werden können.